Nachhaltiger Tourismus: Q&A mit Petra Hedorfer vom Deutschen Tourismusverband

Petra Hedorfer, ONAT

In einem Kontext, in dem der Klimawandel eine Bedrohung darstellt, findet im Tourismus zunehmend eine Verlagerung hin zu nachhaltigerem Reisen statt.

Im Interview beleuchtet die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Zentrale für Tourismus, Petra Hedorfer, das aktuelle Konsumverhalten sowie die Chancen, die sich aus nachhaltigem Tourismus ergeben.

F: Was genau ist mit sich ändernden Werten im Rahmen des Klimawandels gemeint?

Petra Hedorfer : Klimaschutz und nachhaltiges Handeln sind heute keine Frage von Zusatzstoffen mehr. Denn sie durchdringen nahezu alle Lebensbereiche und in diesem Sinne beeinflussen sie auch jeden Aspekt des täglichen Lebens und betreffen auch jeden Aspekt des Reisens.

Neben authentischen und individuellen Reiseerlebnissen abseits des Mainstreams wächst der Wunsch nach nachhaltigen Angeboten und Unterkünften, aber auch nach umweltfreundlichen Fortbewegungsmitteln. In Deutschland ist Nachhaltigkeit fest in der Tourismusstrategie der Bundesregierung verankert. Und als National Tourist Office arbeiten wir daran, Deutschland als nachhaltige Destination im internationalen Wettbewerb zu positionieren.

F: Wie wird der Erfolg dieses Prozesses gemessen?

Petra Hedorfer : Deutschland genießt im internationalen Vergleich bereits einen sehr guten Ruf als nachhaltiges Reiseland. Im Oktober 2022 haben wir IPK International mit einer exklusiven Studie beauftragt und sie zeigt, wie gut sich Deutschlands Reiseland als nachhaltige Marke positionieren konnte.

Im europäischen Ländervergleich geben ausländische Reisende Deutschland den 3. Platz bei nachhaltigen Angeboten. Beim internationalen Nachhaltigkeitsindex, der die Fortschritte bei der Erreichung der UN-Klimaziele misst, liegt Deutschland bis weit ins Jahr 2022 auf Platz 6.

Neben einzelnen Verbrauchern werten wir auch systematisch die Stimmen von Branchenführern aus und sehen ein ebenso gutes Image. Drei Viertel der 280 Entscheider internationaler Tourismusunternehmen sehen Deutschland als nachhaltige Destination. Und sie sagen voraus, dass die Verbrauchernachfrage nach nachhaltigen Produkten in den kommenden Jahren zunehmen wird.

F: Was muss getan werden, damit Verbraucher die Nachhaltigkeitsorientierung erkennen?

Petra Hedorfer : Das Ding passiert, wenn wir 360 Grad denken und handeln. Als Tourismusverband teilen wir ständig die neuesten Daten mit Leistungsträgern. Diese Daten betreffen sowohl die anzusprechenden Kundengruppen als auch die Trends bei der Verkehrsmittelwahl. Und das sind grundlegende Elemente für Lieferanten. Im Zuge einer Transformation ist auch der kontinuierliche Austausch von Best Practices enorm wichtig, damit Marketer gemeinsam schneller vorankommen – und hier setzen wir als Tourismusverband an. als Netzwerk- und Wissensplattform.

Mit dem neuen Slogan „Together we care“ demonstrieren wir den zielorientierten Ansatz deutlich. Was den einzelnen Verbraucher betrifft, so haben viele bereits das nachhaltige Deutschland im Blick. Und das, weil wir seit vielen Jahren im Ausland zertifizierte Produkte fördern, die die Umwelt, den öffentlichen Verkehr, den Landurlaub und die Inklusion respektieren. Und in unserer Markenkommunikation haben und werden wir im vergangenen Jahr und in Zukunft noch stärker auf klima- und umweltschonenden Tourismus setzen.

F: Man könnte sich fragen, ob Zulieferer in den Wirren der Energie- und Fachkräftekrise andere Herausforderungen haben, als nachhaltige Angebote zu schaffen.

Petra Hedorfer : Die Sicherung von Wohlstand und Arbeitsplätzen – auch im ländlichen Raum – ist untrennbar mit dem Klima- und Umweltschutz und damit auch mit der Entwicklung der Zivilgesellschaft und der Bevölkerung verbunden. Das wissen alle Marktteilnehmer und arbeiten deshalb gemeinsam an diesem Ziel eines qualitativ hochwertigen, nachhaltigen und ressourcenschonenden Tourismus.

F: Was sind die Wünsche und Erwartungen der Reisenden von heute?

Petra Hedorfer : Das positive Image Deutschlands als Reiseziel passt gut zu den Interessen und Wünschen nachhaltig reisender Besucher. Um Deutschland als glaubwürdiges und nachhaltiges Reiseland positionieren zu können, bedarf es eines noch größeren Angebots an zertifizierten Reiseprodukten. Denn Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz sind laut einer Analyse von IPK International für 80 % der internationalen Reisenden wichtige oder sogar sehr wichtige Themen.

Rund 40 % der Befragten erhoffen sich in diesem Zusammenhang ein breiteres und profitableres Angebot sowie relevante Informationen rund um ihren Aufenthalt. Bei 90 % der Befragten ist zudem der Wunsch groß, einen Städtetrip mit einem Aufenthalt auf dem Land zu verbinden. Das verlängert nicht nur die Aufenthaltsdauer, sondern reduziert auch den CO₂-Fußabdruck. Zertifizierte Angebote, Sichtbarkeit im Internet und Förderung der Vor- und Nachsaison sind wichtige Faktoren für Anbieter.

F: Was sind neben der Kultur die Prioritäten für internationale Reisende im Jahr 2023?

Petra Hedorfer : Der Wertewandel bei internationalen Reisenden zeigt deutlich, wie sehr sich das Reiseverhalten seit der Coronavirus-Pandemie verändert hat. Auch dies zeigt, dass sich dieses Verhalten mittlerweile deutlich in Richtung mehr Nachhaltigkeit verfestigt hat. Deshalb treiben wir im kommenden Jahr neben der UNESCO-Kampagne zwei weitere Kampagnen mit starker „grüner Ausrichtung“ voran, die bereits 2022 und davor erfolgreich gewirkt haben.

2023 werden sie sich mit neuen Ideen und Reiseinspirationen präsentieren. Zum einen die Nachhaltigkeitskampagne „FEEL GOOD“, die ganz gezielt für klima- und umweltfreundliche Angebote wirbt.

Unsere Aktion „Embrace German Nature“ zeigt, wie vielfältig und einzigartig Deutschlands Naturlandschaften sind und wie ressourcenschonendes Reisen möglich ist. Wir freuen uns auf Besucher aus der ganzen Welt, die sich uns anschließen, um dieses Ziel des nachhaltigen Tourismus zu erreichen.

Aldrich Sachs

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