Russland-Ukraine-Konflikt. Betroffene baltische Länder | Deutschland – aktuelle deutsche Politik. DW-Nachrichten auf Polnisch | DW

Die drei Präsidenten, die sich Anfang dieser Woche in Kiew trafen, beschäftigen sich mit dem gleichen Problem, aber auf ganz unterschiedliche Weise. Der Ukraine unter der Herrschaft von Wolodymyr Selenskyj droht die Konzentration russischer Truppen an ihrer Grenze. In Polen hingegen gibt es eine amerikanische Basis mit Flugabwehrraketen, die Nato-Staaten vor der russischen Bedrohung schützen sollen. Daher muss Präsident Andrzej Duda im Falle einer solchen Bedrohung befürchten, dass Polen buchstäblich in vorderster Front steht.

Der litauische Präsident Gitanas Nauseda präsentierte in Kiew eine andere Perspektive. Nach Jahrzehnten sowjetischer Herrschaft wurde sein Land wie Polen Mitglied der EU und der NATO. Litauen befreite sich 1990 als erste der Sowjetrepubliken von der Moskauer Herrschaft. Doch vor der endgültigen Unabhängigkeit rollten 1991 noch einmal sowjetische Panzer durch die Hauptstadt Vilnius.

Von links: Präsidenten: Andrzej Duda, Volodymyr Zelenski (Ukraine) und Gitanas Naused (Litauen) bei einem Treffen in Kiew

In einer gemeinsamen Erklärung forderten die drei Präsidenten in Kiew „verschärfende Sanktionen gegen Russland wegen seiner anhaltenden Aggression gegen die Ukraine“.

Der russische Präsident Wladimir Putin forderte kürzlich erneut, dass die NATO keine osteuropäischen Länder mehr als Bündnispartner akzeptiert, forderte „langfristige Rechtssicherheitsgarantien“ und drohte: „Wenn die eher aggressive Linie unserer westlichen Partner weitergeht, werden wir mit entsprechende Maßnahmen militärisch-technisch werden wir auf unfreundliche Schritte scharf reagieren“.

Für Bewegung sorgte auch ein Propagandavideo, das eine russische Kampfdrohne bei einem Manöver über der Krim zeigt.

Obwohl ein NATO-Beitritt der Ukraine derzeit nicht realistisch ist, ist der Kreml besorgt über die prowestlichen Bestrebungen der ehemaligen Sowjetrepublik. Schon allein deshalb, weil Raketen von dort aus in wenigen Minuten Moskau erreichen könnten.

Satellitenbilder zeigen russische Truppen nahe der ukrainischen Grenze

Satellitenbilder zeigen russische Truppen nahe der ukrainischen Grenze

„Die gefährlichste Situation seit 2014“

– Das ist meiner Meinung nach die gefährlichste Situation seit 2014 – sagt der litauische Politologe Tomas Janeliūnas, Professor am Institut für Internationale Beziehungen der Universität Vilnius. Damals annektierte Russland die ukrainische Halbinsel Krim. – Vieles deutet darauf hin, dass der Kreml die Einsatzbereitschaft seiner Truppen nicht reduziert, im Gegenteil, es gibt Signale, dass sich an der Grenze zur Ukraine nicht nur Militärs, sondern auch Sanitäter, Ingenieure und Propagandaspezialisten versammelt haben – erklärt Janeliūnas in einer An Interview für die DW. In einer so angespannten Situation ist das Risiko, dass versehentliche Fehler zu ungeplanten Zusammenstößen führen, sehr hoch und auch ohne politische Entscheidung kann es zu einer gefährlichen Eskalation kommen.

Unmittelbar nach der Annexion der Krim war die Befürchtung groß, dass ein weiterer Angriff russischer Truppen die baltischen Staaten treffen könnte. Drei Länder: Litauen, Lettland und Estland, die nach dem Zusammenbruch der UdSSR konsequent die Annäherung an den Westen suchten, sind die einzigen postsowjetischen Republiken, die der NATO angehören. Zusammen mit den baltischen Staaten verlor Moskau seine geopolitische Pufferzone und seine direkte Verbindung zum Kaliningrader Gebiet, das heute seine Exklave ist. Darüber hinaus machen ethnische Russen noch immer einen großen Teil der Bevölkerung aus, insbesondere in Lettland und Estland.

Ostflanke der NATO in den baltischen Staaten

Die Spannungen im Baltikum waren 2014, so die Politologin Janeliūnas, anders als heute spürbar. – Ich würde sagen, die Gesellschaft ist jetzt viel ruhiger. Die Präsenz von Nato-Truppen in den baltischen Staaten sei eine wichtige Quelle dieses Vertrauens, meint der Experte. Nach der Annexion der Krim führte die NATO eine „verstärkte Präsenz“ in den baltischen Staaten ein und schickte alle sechs Monate 1.000 rotierende Kampfgruppen in jedes der drei Länder und nach Polen. Im litauischen Rukla sind die Hälfte des Kontingents Soldaten der Bundeswehr, die sie auch befehligt. Im Vergleich zu dieser Battle Group habe Russland jedoch in Kaliningrad „zehnmal so viele Truppen aufgestellt“, warnte kürzlich der litauische Verteidigungsminister Arvydas Anusauskas.

Ein Besuch der Chefin des Verteidigungsministeriums, Christine Lambrecht, bei den Außenstellen der Bundeswehr in Rukla, Litauen

Vorweihnachtlicher Besuch der Chefin des Verteidigungsministeriums, Christine Lambrecht, in Außenstellen der Bundeswehr in Rukla, Litauen

Für Tomas Janeliūnas ist die Truppenstärke jedoch nicht entscheidend. – Allein die Tatsache, dass NATO-Staaten Truppen in die baltischen Staaten entsenden, bestätige, dass das Bündnis im Konfliktfall fast automatisch interveniere – erklärt der Politologe. Seiner Meinung nach „ist dies eine symbolische, aber sehr wichtige Garantie dafür, dass Artikel 5 nicht nur auf dem Papier steht, sondern in der Praxis funktioniert.“ Diese Klausel garantiert, dass im Falle eines Angriffs andere NATO-Mitglieder dem angegriffenen Partner zu Hilfe kommen.

Solidarität mit den Balten

Auch die neue Bundesregierung hat ein Zeichen der Unterstützung gesetzt. Verteidigungsministerin Christine Lambrecht reiste zu ihrer ersten Dienstreise nach Rukla, wo sie bestätigte, dass Deutschland „fest an der Seite unserer Partner und Freunde“ stehe. – Die Lage in der Ukraine ist sehr ernst und ich kann die Befürchtungen unserer baltischen Verbündeten verstehen und verstehen, wenn sich jemand bedroht fühlt – sagte der neue Chef des deutschen Verteidigungsministeriums.

Sollte es zu einem echten Konflikt kommen, hätte die NATO wahrscheinlich einen territorialen Vorteil. – Die baltischen Staaten wären die erste Frontlinie in einem möglichen Konflikt zwischen der NATO und Russland, aber alle dort stationierten Truppen würden nicht ausreichen, um Russland gegenüberzutreten – sagt Janeliūnas. Gleichzeitig fügt er hinzu: „Es gab viele militärische Übungen und es gibt konkrete Pläne für die Truppenverlegung in diesem Gebiet, nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis erprobt.“

Alle drei baltischen Staaten haben ihre Militärbudgets seit 2014 erhöht und liegen nun konsequent über dem Nato-Ziel von zwei Prozent des jährlichen BIP. Litauen hat den universellen Militärdienst wiederhergestellt; in den anderen beiden Ländern wurde sie nie abgeschafft.

Ruf nach harten Sanktionen

Die Angst vor einer russischen Aggression ist daher für viele Bewohner des Baltikums derzeit nur eines von vielen Themen. Wie in vielen anderen europäischen Ländern steht die Pandemie im Rampenlicht. Litauen befindet sich zudem in einem beispiellosen Handelsstreit mit China, auch die Kontakte zu seinem autoritären Nachbarn Weißrussland sorgen für Aufsehen.

Dennoch hoffen die Litauer, dass die Sanktionen nicht erst jetzt angedroht werden, sagt Tomas Janeliūnas. „Russland lässt sich nicht mit Warnungen einschüchtern, nur entschlossenes Handeln kann etwas bewirken“, meint er. – Das bedeute natürlich keine Militäraktion, aber der Einsatz knallharter Wirtschaftsinstrumente wäre ein starkes Signal – meint der Experte.

Beim Treffen der Präsidenten in Kiew sprachen sich die Ukraine, Polen und Litauen für „Präventionssanktionen“ aus, in der Hoffnung, Europa vor Russlands „aggressiver Politik“ zu schützen.

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Aldrich Sachs

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