August Sander, das Auge Deutschlands in den 20er Jahren

Alles beginnt nach dem großen Massengrab des Ersten Weltkriegs und vor der gewaltigen Katastrophe des Zweiten. Die Ausstellung „Deutschland / 20er / Neue Sachlichkeit“ im Centre Pompidou untersucht hierzulande die Singularität und Größe der Schöpfung in einem entscheidenden Moment der Menschheitsgeschichte. Die opulente und fesselnde Vorführung dreht sich um das meisterhafte Werk eines Fotografen mit überwältigender Wirkung: August Sander (1876-1964). Sie versammelt bis zum 5. September rund 900 Ausgaben, darunter kunstgewerbliche Objekte, Filme, Gemälde, einige davon mythisch, vor allem aber die große Bilderserie von August Sander.

Der Kölner Fotograf praktiziert eine präzise Kreation, ohne Schnörkel, dokumentarisch. In den 1920er Jahren baute er ein Projekt auf, das weitläufig werden sollte: „Männer des XXe Jahrhundert“. Es ist eine Art Enzyklopädie der Bilder der deutschen Nation, zunächst bestehend aus sieben Hauptrubriken, die die Berufe und die unterschiedlichen sozialen Verhältnisse in seinem Land veranschaulichen. 1952 wurde der Fotograf Edward Steichen, damals Leiter der Fotoabteilung der Das MoMA in New York erkannte die Bedeutung des Deutschen und stellte 45 seiner Fotos in New York aus, ebenso wie seine Nachwelt, im Centre Pompidou sind fast 400 davon zu sehen.

rohe Realität

Um diesen Kern herum entblößt sich die deutsche Hyperkreativität jener Zeit. Das Land ist von seiner Niederlage erschüttert, während die Welt auf eine massive Industrialisierung zusteuert. Es ist nicht mehr die Zeit für den exaltierten Expressionismus des Anfangs des Jahrhunderts, sondern für die Darstellung einer kruden Realität. Soziale Fakten aufzeigen, Vorschläge rationalisieren… Das ist die „Neue Sachlichkeit“.

Das Thema der mythischen Bauhaus-Schule wird unter anderem mit Möbeln des Architekten Marcel Breuer ohne Überflüssiges aufgegriffen, wie den Hockern von 1925 aus Stahlrohr und lackiertem Holz. Die Periode ist förderlich für eine Darstellung der grotesken Art von Charakteren, die die deutsche Gesellschaft prägen. Sehen Sie die kraftvollen Porträts von Georg Grosz – wie das des Schriftstellers Max Herrmann, geschrumpft in seinem Sessel, 1925 – oder die von Otto Dix, der 1922 den Kaufmann Max Roesberg wie eine Marionette darstellte.

Man könnte bedauern, dass die Ausstellung Sanders letzter, weniger bekannter und doch auffälliger Serie nicht mehr Raum einräumt, wenn er seine gesellschaftliche Auseinandersetzung erweitert, um einerseits die Nazis und andererseits ihre Opfer als seinen Sohn darzustellen. Aber es ist wahr, dass dieser Horror nach den 1920er Jahren passiert.

Deutschland / 1920er / Neue Sachlichkeit / August Sander

Belichtung

Bis zum 5. September im Centre Georges Pompidou in Paris

www.centrepompidou.fr

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